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Beschreibungen Halbmondwahrheiten: Türkische Männer in Deutschland - Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft kostenlos
Heute betet Tarik regelmäßig in einer der achtzig Berliner Moscheen. Die Regeln des Islam nimmt der Dreißigjährige besonders genau. Früher sah das ganz anders aus. Da dealte der Deutschtürke mit Drogen. Und während er über seine deutsche Freundin stets eifersüchtig wachte, ging er selbst fremd. Schließlich verfiel Tarik den Drogen und schlug seine Freundin, bis sie ihn verließ. Heute will der Geläuterte sein Leben in Allahs Hand legen.
Tariks ganze Geschichte ist eine von zwölf, die die Münchner Journalistin Isabella Kroth in Erfahrung brachte. Ihre fairen und mit Ausdauer recherchierten Porträts türkischer Einwanderer legen offen, wie traditionelle Geschlechterrollen aus dem anatolischen Hinterland auf das deutsche Alltagsleben prallen. Wenn Männer die alleinigen Ernährer sein und Frauen ausschließlich Zuhause bei ihren Kindern bleiben sollen. Wenn Ehen von den Eltern beim Mokkatrinken angebahnt werden.
Isabella Kroth wertet nicht, sondern beschreibt Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft, wie der Untertitel ihres Buches lautet. Kennen gelernt hatte die Autorin ihre Gesprächspartner über Kazim Erdogan, einem Psychologen, den viele Einwanderer wie einen Dorfältesten verehren. Erdogan leitet die erste Gesprächsgruppe für türkische Männer in Deutschland. Ihre Probleme einer möglichst breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen – genau darum geht es in diesem wichtigen Buch. Am Rande dreht es sich zudem um türkische Frauen, die untertauchen müssen, um gegen den Willen ihrer Familien selbstbestimmt leben zu können, und um eine alte Deutsche, der Berlin-Neukölln fremd geworden ist.
Türkische Männer haben bisher geschwiegen. „Dass manche, weil sie keine Worte fanden, Gewalt benutzten, um sich auszudrücken“, zeigt den Ernst der Lage. Dabei scheinen ausgeprägter Machismo, humorloser Stolz sowie kollektives Ehrgefühl dem individualistischen und pluralistischen westlichen Lebensstil besonders schroff gegenüber zu stehen. Zu besserem gegenseitigen Verständnis leisten Isabella Kroths Porträts einen wertvollen Beitrag – und verleihen der Debatte um Einwanderer aus islamischen Ländern die nötige Substanz.
– Herwig Slezak